Ein Beitrag von Dr. Kai Hirschmann.

Der demographische Wandel in Deutschland bringt sowohl gesellschaftlich als auch wirtschaftlich eine Vielzahl von negativen Auswirkungen mit sich. Praktische Erfahrungen und zahlreiche Erhebungen zeigen, dass der Fachkräftemangel nicht nur heute, sondern noch stärker in den kommenden Jahren und Jahrzehnten ein bedeutender Faktor im Wirtschaftsleben ist und sein wird.1 Auf der anderen Seite haben in den letzten Jahren populistische Parteien stark an Zulauf gewonnen, die als eine ihrer Kernthesen propagieren, die Zuwanderung nach Europa drohe die Gesellschaft zu destabilisieren. Und wenn die Gesellschaft sich zu destabilisieren drohe, stehe sie vor dem Untergang und müsse gerettet werden, denn die Kulturen der Zuwanderer würden die „deutsche Kultur“ „überfremden”. Was ist nun notwendig: Ausländer rein oder raus?

Der demographische Wandel ist langfristig nicht umkehrbar (Abb. 1). Die Zahl der erwerbsfähigen Menschen sinkt. Die Zahl der Rentner wird sich durch den Demographischen Wandel sukzessive bis zum Jahr 2050 verdoppeln. Zudem werden in den kommenden Jahren die geburtenschwachen Jahrgänge in das Berufsleben einsteigen. Das daraus resultierende Defizit an Erwerbstätigen wird die große Herausforderung für die deutsche Wirtschaft sein. Antizyklisch wirken könnten in einem gewissen Maß eine Steigerung der Frauenarbeitsquote, die Inklusion von behinderten Menschen in den Arbeitsprozess, die gesteuerte Zuwanderung von Fachkräften aus dem Ausland sowie eine Verbesserung des Bildungsgrades von Schulabgängern mit einhergehender Senkung der Arbeitslosenzahl.2

Abb. 1 – Der demographische Wandel in Deutschland

Bei antizyklischen Strategien ist allerdings immer die Frage, welcher Aspekt des demografischen Wandels ausgeglichen werden soll: der Rückgang der Bevölkerungszahl, der Rückgang der Erwerbsbevölkerung oder die Alterung.3 Die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter von 15 bis 74 Jahren ist in Deutschland nach 1950 kontinuierlich gewachsen und erreichte im Jahr 2005 mit rund 64 Millionen Personen einen Höchststand. Seitdem ist die Zahl rückläufig und betrug 2013 nur noch 62 Millionen Personen. Ab etwa 2030 wird sich die Schrumpfung deutlich beschleunigen.4 Die Zahl der Personen im erwerbsfähigen Alter könnte nach Angaben des Statistischen Bundesamtes (2017) bis 2040 von aktuell knapp 50 Millionen um fast 6 Millionen auf nur noch 44 Millionen sinken.5 Der Rückgang der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter wird begleitet von ihrer zunehmenden Alterung. War 1980 noch fast ein Drittel der Erwerbsbevölkerung unter 30 Jahre alt, ist es heute nur knapp ein Fünftel. Darüber hinaus sinkt das Potenzial an jungen Erwerbstätigen, die gegenwärtig die wichtigsten Innovationsträger sind. Gleichzeitig ist der Anteil der über 55-Jährigen an der Erwerbsbevölkerung seit 1980 von 25% auf 31% gewachsen und wird bis 2030 weiter zunehmen.

Alterung kann über das Verhältnis der Erwerbsbevölkerung zu den Bewohnern eines Landes definiert werden, die nicht mehr im Erwerbsalter sind (über 65-Jährige). Die bevorstehende Pensionierungswelle der geburtenstarken „Babyboomer“-Jahrgänge von 1959 bis 1969 wird die demografische Alterung in Deutschland in den nächsten 20 Jahren deutlich beschleunigen. So wird nach der amtlichen Vorausberechnung die Zahl der Rentnerinnen und Rentner zwischen 2017 und 2035 um ca. 5,5 Millionen zunehmen. Dazu sinkt gleichzeitig der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter im gleichen Zeitraum um etwa 8 Millionen. Das bedeutet, dass, sobald alle Babyboomer im Ruhestand sind, jedem Rentner weniger als zwei Personen im erwerbsfähigen Alter gegenüberstehen werden.6 Schon jetzt ist der Fachkräftemangel in Deutschland in einigen Branchen so groß, dass Unternehmen großen Aufwand betreiben müssen, um ihren Personalbedarf z.B. durch Umschulungen zu decken. Langfristig wird aber auch das nicht ausreichen. Die Zahl der Menschen im erwerbsfähigen Alter schrumpft laut einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung im Auftrag der Bertelsmann-Stiftung bis zum Jahr 2050 von heute 45 Millionen auf weniger als 29 Millionen. Selbst wenn Mitarbeiter erst mit 70 Jahren in Rente gehen und mehr Frauen voll berufstätig wären, würde das die Lücke nur um 4,4 Millionen Arbeitskräfte verkleinern.7 Daher bedarf es verstärkter Zuwanderung.

Würde versucht, die Alterung der Gesellschaft vollständig über Zuwanderung zu kompensieren, würden Zuwanderungszahlen in einer Größenordnung benötigt, die unrealistisch sind. Denn jeder Zuwanderer, der nach Deutschland zieht, und zunächst die Alterung kompensiert, altert auch selbst. Die Zahl der Personen, die benötigt wird, um Alterung zu kompensieren, steigt daher immer weiter an. Derzeit profitiert Deutschland noch von Zuwanderern innerhalb der EU im Rahmen der Freizügigkeit (Abb. 2). Die Zahl der Asylbewerber steigt zwar an (Abb. 2), aber teilweise unsichere Bleibeperspektiven und mangelnde Qualifikationen für Erwerbstätigkeiten als Fachkräfte relativieren diese Zuwanderung. Hier wären zunächst erhebliche Aus- und Weiterbildungsanstrengungen zu leisten. Erste Zahlen machen indes Hoffnung8: Insgesamt haben rund 307.000 Geflüchtete aus den Hauptherkunftsländern Irak, Afghanistan und Syrien Arbeit gefunden. Davon haben knapp 240.000 eine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung aufgenommen. Allein von August 2017 bis Juli 2018 wurden 101.000 Flüchtlinge in Arbeit vermittelt, davon 80% am ersten Arbeitsmarkt. Die Beschäftigungsquote der Geflüchteten lag Ende Juni 2018 bei 27,2%, für alle Ausländer (auch aus EU-Ländern), lag sie bei 49,3% und für Deutsche bei 68,3%. Das zeigt trotz positiver Entwicklung aber auch, dass für die Arbeitsmarktintegration der Geflüchteten längere Ausbildungs- und Qualifizierungsmaßnahmen erforderlich sind.

Abb. 2 – Zuwanderung nach Deutschland

Deutschland hat sich seit der Mitte des 20. Jahrhunderts zu einer der wichtigsten Einwanderungsregionen in Europa entwickelt. In Deutschland lebten 2017 ca. 83 Millionen Menschen. Mit rund 19,3 Millionen Menschen mit Migrationshintergrund hat fast jeder Vierte eine Zuwanderungsgeschichte (Bevölkerung mit Migrationshintergrund 2017: 23,6%; Abb. 3). Etwas mehr als die Hälfte dieser Personen besitzt die deutsche Staatsangehörigkeit (9,8 Mio.).9

Bereits in den 1950er und 60er Jahren nahm die Zuwanderung nach Deutschland stark zu. Eine erste Einwanderungswelle entstand durch die gezielte Anwerbung von Arbeitskräften aus Südeuropa. Die zweite Welle in den 1970er und 1980er Jahren war vor allem durch den Zuzug von deren Familienangehörigen geprägt. Nach der Vereinigung Deutschlands und den politischen Umbrüchen in Osteuropa kam es zu einer dritten Zuwanderungswelle, die insbesondere deutschstämmige (Spät-)Aussiedler umfasste. Hinzu kamen viele Geflüchtete aus den Krisengebieten des Jugoslawienkrieges. In der Zeit danach sanken die Zuwanderungszahlen aufgrund eines verschärften Asylrechts und erreichten im Jahr 2008 einen Tiefstand. Durch die Aufnahme ostmittel- und südosteuropäischer europäischer Staaten in die EU und die damit nach dem Ende von Übergangsregelungen verbundene Arbeitnehmerfreizügigkeit stiegen die Zuwanderungszahlen seither wieder an. Dieser Trend wird seit dem Jahr 2014 durch die Geflüchetenmigration aus den Krisengebieten des Nahen und Mittleren Ostens sowie Afrikas verstärkt.10 Diese Einwanderungswellen sind auch in der Zusammensetzung der Bevölkerung 2017 erkennbar (Abb. 3).

Abb. 3 – Zusammensetzung der Bevölkerung 2017

Deutschland braucht angesichts der demografischen Entwicklung mit einer schrumpfenden und alternden Erwerbsbevölkerung eine umfassende Strategie zur Fachkräftesicherung. Neben der weiteren Mobilisierung des heimischen Arbeitskräftepotenzials und weiteren Anstrengungen im Bereich Bildung, Aus- und Weiterbildung gehört zu einer solchen Gesamtstrategie auch, die Möglichkeiten einer gesteuerten arbeitsmarktorientierten Zuwanderung zu nutzen.11 Daran ändert auch der seit einigen Jahren hohe Zustrom an Geflüchteten nach Deutschland nichts, denn die Aufnahme, Unterbringung und Integration der Geflüchteten ist die Konsequenz des grundrechtlich geschützten Asylrechts und der Genfer Flüchtlingskonvention. Sie ist jedoch kein Ersatz für eine gesteuerte Erwerbsmigration als Antwort auf den Fachkräftebedarf in Deutschland.12

Die Zuwanderung nach Deutschland ist maßgeblich durch die EU-Binnenmigration auf Grundlage der Arbeitnehmerfreizügigkeit geprägt. Da sich diese Form der Zuwanderung der direkten politischen Einflussnahme weitgehend entzieht, ergeben sich politische Steuerungsmöglichkeiten in erster Linie beim Fachkräftezuzug aus Drittstaaten. Deutschland darf sich nicht auf eine weiterhin hohe Einwanderung aus der EU verlassen. Der Fachkräftezuzug aus Drittstaaten stellt ein effektives Instrument zur Abmilderung der Auswirkungen der demografischen Alterung auf den Arbeitsmarkt dar. Hierzu kann ein Fachkräfteeinwanderungsgesetz mit klaren und transparenten Regeln, das auch die schnelle Integration in Gesellschaft und Arbeitsmarkt unterstützt, einen wichtigen Beitrag leisten. Darüber hinaus bedarf es einer Verbesserung der Rahmenbedingungen, verstärkter Werbekampagnen und einer Förderung des Spracherwerbs im Ausland.13

Jahrzehntelang galt in Deutschland das politische Mantra „Wir sind kein Einwanderungsland“. Erst sehr spät dämmerte der politischen Elite, dass es mittel- und langfristig doch vorteilhaft ist, wenn wir eines wären. Nach fast dreißigjähriger Debatte hat die Bundesregierung daher kurz vor Weihnachten 2018 ein Gesetz zur Zuwanderung von Fachkräften beschlossen. Auch für abgelehnte Asylbewerber, die gut integriert sind, gibt es neue Regeln. Das Fachkräfteeinwanderungsgesetz soll Ausländern mit Berufsabschluss erlauben, in Deutschland zu arbeiten. Bislang war das nur für Universitätsabsolventen oder Fachkräften in sogenannten Mangelberufen möglich. Diese Beschränkung fällt künftig weg, genauso wie die verpflichte „Vorrangprüfung“, ob eine Stelle durch einen gleich qualifizierten Deutschen oder EU-Bürger besetzt werden kann. Außerdem erlaubt das Gesetzt ausländischen Fachkräften ein halbes Jahr zur Jobsuche nach Deutschland zu kommen, wenn sie Deutschkenntnisse nachweisen können. Während das Fachkräfteeinwanderungsgesetz qualifizierte Berufstätige im Ausland ansprechen soll, betrifft das Gesetz zur Duldung bei Ausbildung und Beschäftigung Menschen, die bereits in Deutschland sind. Es geht um abgelehnte Asylbewerber, die aus persönlichen oder anderen Gründen nicht abgeschoben werden können. Sie sollen eine dreißigmonatige Duldung bekommen, wenn sie bereits 18 Monate in Deutschland gearbeitet haben, ihren Lebensunterhalt selbst bestreiten können, Sprachkenntnisse erworben haben, straffrei sind, eine zweifelsfrei geklärte Identität vorweisen können und ihre Kinder zur Schule schicken. Nach den dreißig Monaten ist eine unbefristete Aufenthaltsgenehmigung möglich, wenn eine weitgehend lückenlose Beschäftigung in dieser Zeit nachgewiesen werden kann.14

Die neuen Gesetze enthalten einige sinnvolle Veränderungen, sind aber in der Summe kein dringend benötigtes Einwanderungsrecht. Es werden vielmehr einige Änderungen an bestehenden Gesetzen und Verordnungen, vor allem im Aufenthaltsgesetz und in der Beschäftigungsverordnung vorgenommen. Es handelt sich mithin um kleinere Reformen innerhalb des bestehenden Rechts. Weiterhin müssen qualifizierte Fachkräfte vor dem Zuzug über gleichwertige Bildungs- und Berufsabschlüsse verfügen und sie nach den deutschen Regeln anerkennen lassen. Das bedeutet: Nur wenn die Ausbildung eines Handwerkers aus dem Ausland derjenigen eines Handwerkers im dualen Ausbildungssystem hierzulande entspricht, hat er eine Chance auf Einwanderung. Daran scheitern die meisten. Deutschland muss sich daher auch von dem Gedanken verabschieden, dass Fachkräftezuwanderung erst dann möglich ist, wenn die Welt ihre Bildungs- und Ausbildungssysteme an deutsche Standards angepasst hat. Das entscheidende Kriterium für eine dauerhafte Einwanderung sollte ein bestehender Arbeitsvertrag sein, denn damit hat ein Einwanderer den „Markttest“ bestanden.15

Die ersten politischen Schritte sind getan, aber es bleibt noch viel Raum für notwendige Weiterentwicklungen. Denn eines muss klar sein: Will Deutschland seinen Wohlstand mindestens bewahren, muss das uneingeschränkte Motto „Ausländer rein!“ lauten.

 
 


 
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Quellenangaben:

  • 1 www.inifa.de/demographische-wandel/
  • 2 www.inifa.de/demographische-wandel/
  • 3 Frank Swiaczny/ Hubertus Volmer, Was bringt Zuwanderung?, www.n-tv.de/politik/Was-bringt-Zuwanderung-article14787121.html, 28. März 2015.
  • 4 www.demografie-portal.de/SharedDocs/Informieren/DE/ZahlenFakten/Erwerbsbevoelkerung_Altersgruppen.html.
  • 5 www.arbeitgeber.de/www/arbeitgeber.nsf/res/kompakt-Zuwanderung.pdf/$file/kompakt-Zuwanderung.pdf.
  • 6 Andreas Ette/ Elisabeth Kraus/ Nikola Sander/ Laura Wenzel, Handlungsfeld Migration – Zuwanderung für die Gestaltung des demografischen Wandels nutzen; in: Policy Brief Mai 2018, Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung, S. 2.
  • 7 Issio Ehrich, Es kann kaum genug Einwanderung geben, www.n-tv.de/politik/Es-kann-kaum-genug-Einwanderung-geben-article14790876.html, 27. März 2015.
  • 8 Nadine Oberhuber, Flüchtlinge und Arbeitsmarkt: Besser als gedacht; in: Die Zeit online, 9. August 2018, www.zeit.de/wirtschaft/2018-08/fluechtlinge-arbeitsmarkt-integration-ausbildung-arbeitsplatz
  • 9 Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration (SVR), Fakten zur Einwanderung in Deutschland, 12. Dezember 2018, aktualisierte Fassung, Berlin, S. 1.
  • 10 Lars P. Feld/ Annabelle Doerr/ Patrick Hirsch/ Christoph Sajons, Zuwanderung nach Deutschland von 1945 bis heute; in: Malteser Migrationsbericht 2017, Berlin, S.10ff.
  • 11 www.bdi.eu/artikel/news/potenziale-der-zuwanderung-nutzen.
  • 12 Ebenda.
  • 13 Andreas Ette/ Elisabeth Kraus/ Nikola Sander/ Laura Wenzel (Anm. X), S. 4.
  • 14 Andreas Niesmann, Deutschland bekommt ein Einwanderungsrecht – nicht alle sind darüber glücklich, www.haz.de/Nachrichten/Politik/Deutschland-Welt/Fachkraeftezuwanderungsgesetz-Deutschlandbekommt-ein-Einwanderungsrecht, 19. Dezember 2018.
  • 15 Siehe zu dieser Argumentationskette Herbert Brücker im Gespräch mit Peter Ilg, Einwanderungsgesetz: „Kein großer Wurf“; in: Heise online, 19. Dezember 2018, www.heise.de/newsticker/meldung/Einwanderungsgesetz-Kein-grosser-Wurf-4256030.html