Ein Beitrag von Rolf Tophoven.

Nachruf Ulrich K. Wegener – Nestor der deutschen Anti-Terror-Kommandos.
Die Szene spielte im Jordantal. Der Sommer des Jahres 1977 ist wie immer in dieser Region glühend heiß. Eine Scharfschützeneinheit der neu aufgestellten Anti-Terror-Einheit Yamam der israelischen Grenzpolizei übt in größerem Rahmen. Der Kommandeur der Grenzpolizei, Generalmajor Zvi Bar, ein altgedienter Fallschirmjäger und Kommandosoldat, jetzt Chef der „Green Berets“ der Grenzpolizei, fragt den Besucher aus Deutschland: „Wie geht es Wegener, was macht die GSG 9?“ Damals wartete die Spezialeinheit des damaligen BGS noch auf ihren ersten heißen Einsatz – fünf Jahre nach ihrer Aufstellung angesichts des polizeitaktischen Desasters beim Zugriff auf die palästinensischen Terroristen nach deren Geiselnahme der israelischen Sportler bei den Olympischen Spielen von München 1972. Auf den „Wartezustand“ der GSG 9 angesprochen, sagte General Bar: „Wenn die Stunde X kommt, wird die GSG 9 einen exzellenten Job machen! Denn wir kennen Wegener, wir haben ihn nach München in Israel ausgebildet, wir kennen Ausrüstung, Konzeption und Mentalität seiner Männer!“

Drei Monate nach dieser Aussage erlebte die Welt in der Nacht zum 18. Oktober 1977 die „Operation Feuerzauber“ und die Befreiung der gekaperten Lufthansa-Maschine „Landshut“ und ihrer Passagiere aus der Hand palästinensischer Highjacker.

Szenenwechsel. Sommer 1978 in Bonn. Herrenabend in einer Grenzschutzunterkunft.

Ehrengast ist der damalige Berater des US-Präsidenten für Terrorismusbekämpfung. Er ist zur Gratulation für die GSG 9 angereist und zudem will er die amerikanisch-deutsche Koalition gegen den damaligen Terrorismus weiter schmieden. Als er auf den Gründungsvater der GSG 9, Ulrich K. Wegener, blickt sagt der Amerikaner zu seinen Tischnachbarn: „Wegener ist der einzige deutsche Held nach dem Zweiten Weltkrieg!“ Diese Szene zeigte damals mehr als hunderte Berichte in Funk, Fernsehen und Presse die hohe Wertschätzung, die seitens US-amerikanischer Sicherheitsexperten den Leistungen der GSG 9, aber besonders der Person Wegeners entgegengebracht wurde.

Was zeichnete diesen „Preußen“ im damaligen BGS (heute Bundespolizei) besonders aus?
Als der Auftrag zur Bildung der GSG 9 an ihn erging, stand er bei null. Es gab kein vergleichbares auf deutschem Polizeirecht basierendes Modell einer Anti-Terror-Einheit. Wegener musste die rein militärisch ausgerichtete Terrorbekämpfung der Israelis auf deutsche Verhältnisse zuschneiden. Dennoch hat er stets den Blick auf die militärischen Spezialverbände im Ausland gerichtet, um auch dort unkonventionelle Methoden und Techniken zu lernen und eventuell für die GSG 9 zu übernehmen.

„Unkonventionelle Methoden“ war in den Anfangsjahren der GSG 9 – und eigentlich über die Jahre bis heute – immer ein Zauberwort, dem man folgte. Wegener ließ die Schriften der Fachleute für Guerilla- und Kleinkriegführung lesen, besonders das „Minihandbuch der Stadtguerilla“ von Carlos Marighella, damals ein Hit in der gewaltbereiten linken Szene, stand auf dem Lehrplan. Er beschaffte sich die Standardwaffe vieler weltweiter Revolutionäre und Terroristen, die AK 47 Kalaschnikow, um seine Männer auch daran auszubilden. „Wenn Terroristen damit schießen, müssen auch wir in der Lage sein, damit umzugehen!“, war sein Credo. Das unkonventionelle Denken war Wegeners Grundprinzip der Anti-Terror-Strategie und -Taktik. Bei der Vorstellung der GSG 9 nach deren Gründung antwortete er auf die entsprechende Frage eines Journalisten: „Wer sich mit Terrorismusbekämpfung beschäftigt, muss das Unmögliche denken!“ Und auf die Frage, wann denn nun die Stunde der GSG 9 käme, antwortete er emotionslos: „Wenn die erste tote Geisel auf dem Rollfeld liegt!“ Denn dann hätten die Terroristen die Hemmschwelle zum Töten überschritten und die letzte Karte, der polizeiliche oder militärische Zugriff sei unabdingbar.

Die Dramatik dieser Aussage vollzog sich, als die Entführer der „Landshut“ bei ihrer Odyssee nach Mogadischu bei einer Zwischenlandung in Aden den Lufthansa-Kapitän Jürgen Schumann erschossen und die Leiche aus der Maschine warfen.

Ulrich K. Wegener, war immer ein Kämpfer – nicht nur in seiner GSG 9, auch bei späteren Verwendungen bis zu seiner Pensionierung im BGS und darüber hinaus… Besonders sein unerschrockenes Festhalten an für ihn richtigen Konzepten und Maßnahmen zeichneten ihn aus, was oft dazu führte, sich in unzählige Auseinandersetzungen mit der zähflüssigen Ministerialbürokratie einzulassen. Wo ihm auch nach Mogadischu oft Neid und Missgunst entgegenschlug.

Was von seinem Lebenswerk bleibt, ist nicht nur der Zugriff in Mogadischu, denn darauf hatte Wegener die GSG 9 jahrelang akribisch vorbereitet. Was bleibt, ist auch und besonders, dass Deutschland in ihm einen Mann hatte, der zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort stand und der mit dem Ausbau der GSG 9 eine Einheit langfristig aufbaute, die bis heute weltweit anerkannt ist, Pate stand beim Aufbau vieler anderer nationaler und internationaler Anti-Terror-Verbände und global einen exzellenten Ruf genießt.

Dass sich die jungen Beamten der GSG 9 von heute zwar der Mogadischu-Tradition bewusst sind, versteht sich von selbst – das hindert sie aber nicht daran, stets darüber hinaus zu blicken und wie es bei ihnen heißt „vor die Lage zu kommen“. Also immer besser zu sein als der Gegner, was Taktik, Technik und Ideen betrifft – auch das war eine stets wiederholte Forderung ihres Gründungsvaters.

Am 28. Dezember letzten Jahres ist Ulrich K. Wegener im Alter von 88 Jahren in Bonn gestorben. Mit ihm verliert Deutschland den Nestor der modernen Anti-Terror-Bekämpfung in Deutschland.

 

Bildnachweis: Bundesarchiv B 145 Bild-F051866-0010