Ein Beitrag von Jürgen Wolf.

Die Wirkung von Zahlen – ein Kommentar zur Pressekonferenz vom 20.11.2018 bei der die Bundesfamilienministerin Frau Dr. Franziska Giffey die neuen Zahlen zur Partnerschaftsgewalt 2017 vorgestellt hat.

Mehr als 138.000 Menschen waren 2017 von Gewalt in Paarbeziehungen betroffen,1 so berichtet die Familienministerin am 20.11.2018 in einer Pressekonferenz. Schon bei der Präsentation dieser Zahl hat sich die erste Unschärfe eingeschlichen. Es sind nicht 138.000 Menschen betroffen, sondern im Berichtszeitraum sind mehr als 138.000 Fälle gezählt worden.

Auf Seite 6 der Statistik findet sich der Hinweis: „Es werden vielmehr die Opferwerdungen von Personen erfasst, was einschließt, dass eine Person, die während eines Berichtszeitraums mehrmals Opfer wird, auch mehrmals gezählt wird.“2 Dennoch – eine Dimension, die wirklich dramatisch ist, zumal es sich um Zahlen aus dem Hellfeld handelt. 147 Frauen starben im Jahr 2017 durch die Gewalteinwirkung des Partners. 2016 wurden 217 und 2015 sogar 335 getötete Frauen erfasst.3, 4

Es stellt sich die Frage, warum Frau Dr. Giffey die Zahl der weiblichen Opfer hervorhebt, dabei die Zahl männlicher Opfern völlig unerwähnt lässt. Lediglich in einem Nebensatz erwähnt die Ministerin, dass es auch von Gewalt betroffene Männer gibt. Bereits im Interview mit dem Spiegel vom 19.11.2017 zeigt sie diese Lücke bei der Nennung konkreter Zahlen.5 Gewalt gegen Männer spielt in der Bewertung des Familienministeriums offensichtlich keine Rolle.

Dies verwundert, denn die Zahlen sind nicht gering. Die Kriminalstatistik beziffert für 2017 34 (18,8 %) getötete Männer durch Gewalt in Paarbeziehungen, 2016 waren 59 (21,4%) und 2015 86 (20,5%). 2, 3, 4

Dass es das Kriminalitätsphänomen der häuslichen Gewalt gegen Männer gibt, lässt sich nicht nur aus der Kriminalstatistik ablesen, auch aus dem wissenschaftlichen Raum stehen dem Ministerium konkrete Forschungsergebnisse zur Verfügung (z.B. die Studie „Gewalt in Paarbeziehungen“ von Frau Dr. Monika Schröttle von der TU Darmstadt vom 24.04.2017 als Expertise für den Zweiten Gleichstellungsbericht der Bundesregierung).7

Das Ausklammern dieser Opfer ist nicht nachvollziehbar und löst Spekulationen aus. Fühlt sich das Familienministerium für männliche Opfer nicht zuständig? Warum leistet sich die Ministerin diesen blinden Fleck? Ist hier das Ministerium schlecht aufgestellt oder ist es nicht bereit, zeitnah und konkret Hilfe für männliche Opfer zu bieten. Es scheint als habe sich unverändert die Haltung des Ministeriums seit der Zeit als Frau Christine Bergmann die Frage nach der Befürwortung für Männerhäuser (März 2000) mit „Nein, ich denke das ist nicht nötig. Wenn Männer keine Gewalt anwenden, brauchen sie auch keine Zufluchtsorte“ 6 durchgesetzt. Man könnte glauben, dass sich dieses Ministerium hartnäckig über Artikel 3 GG, Absatz 2, Satz hinwegsetzt: „Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“ Gleichberechtigung ist keine Einbahnstraße!

Aus Sicht eines Bedrohungsmanagers ist jedes Opfer zu viel, unabhängig von Alter, Herkunft, Religion oder Geschlecht. Hilfsangebote und Hilfen müssen für jedes Opfer bereitgestellt werden. Die Haltung des Ministeriums stellt für jedes Bedrohungsmanagement einen unerträglichen Zustand dar.

In der Auswertung des BKA erscheinen nur die bekannten Straftaten. Viel Leid spielt sich schon weit im Vorfeld und oftmals lange Zeit zuvor ab. Auch mehr Geld für mehr Frauenhäuser bereitzustellen ist ein politischer Fingerzeig und absolut richtig, ändert aber nichts daran, dass zusätzlich im Vorfeld mehr dafür getan werden muss, dass sich die Nachfrage an Plätzen in Frauenhäusern reduziert.

Aktuell gibt es in Deutschland etwa 350 Frauenhäuser und 100 Schutzwohnungen mit über 6.000 Plätzen. 8 Mit Blick auf die Zahlen der Statistik sind das sicher zu wenig. Die Suche nach Männerhäusern oder Schutzwohnungen für Männer gestaltet sich auch in Zeiten digitaler Suche eher schwierig. Die Prozentzahl der Fälle in denen Männer Opfer sind liegt in der Gesamtbetrachtung aller Deliktbereiche von 2015 bis 2017 konstant bei 18%. Das lässt sich bei paritätischer Betrachtung zu einem aktuellen Bedarf von 58 Männerhäusern, 15 Schutzwohnungen mit insgesamt 1050 Plätzen hochrechnen. Erst dann wäre eine Gleichstellung mit weiblichen Opfern mit Stand Ende 2017 gegeben. Das ist die rein zahlenmäßige Betrachtung. Bei einer konkreten Beurteilung der individuellen Fälle dürfte sich wahrscheinlich ein geringerer Bedarf an Plätzen ergeben.

Unabhängig davon darf jedes Opfer eine deutliche Haltung innerhalb unseres rechtstaatlichen Wertesystems erwarten. Wünschenswert wäre also:

  • Klares Bekenntnis zur Hilfe für ALLE Opfer
  • Fallorientierte Verteilung finanzieller Unterstützung

 

Weitere Denkansätze:

  • Erstellen einer aktuellen Studie zur Partnergewalt zur Ermittlung frühzeitiger präventiver Lösungsansätze
  • Entwickeln einer Kampagne, in der Menschen, gleich welchen Geschlechts, frühzeitig Informationen, Beratung und Hilfe erhalten. Opfer sollen gestärkt werden, Täter frühzeitig Therapiemöglichkeiten finden

Mit ungetrübtem Blick kann es doch nur das Ziel sein, dass ALLEN Opfern geholfen wird, aber auch präventiv durch geeignete Maßnahmen die Zahl der Fälle und auch die Zahl der Straftaten minimiert werden. Das würde bedeuten, dass vielen Menschen sehr viel Leid erspart wird. Das ist jede Anstrengung wert! Bleibt zu hoffen, dass die Pressekonferenz zu den Zahlen für 2018 ohne diesen blinden Fleck auskommt.


Quellen:
1 Pressekonferenz Fr. Dr. Giffey am 20.11.2018
2 Statistik BKA zur Partnerschaftsgewalt 2017
3 Statistik BKA zur Partnerschaftsgewalt 2016
4 Statistik BKA zur Partnerschaftsgewalt 2015
5 Interview Fr. Dr. Giffey im „Spiegel“ vom 19.11.2018
6 Interview Fr. Dr. Christine Bergmann im „der Freitag“ vom 28.03.2000
7 Studie der TU Darmstadt (Fr. Dr. Monika Schröttle) vom 24.2.2017
8 Interview Fr. Felbinger (Berliner Initiative gegen Gewalt gegen Frauen) am 20.11.2018