Ein Beitrag von Lucia Maldinger.

Die Missachtung von Sicherheitsregeln

Der gewaltsame Tod einer Mitarbeiterin des Jobcenters Rhein-Kreis Neuss im September 2012 führte dazu, dass viele öffentliche Verwaltungen ihre Sicherheitskonzepte überarbeiteten bzw. neue erstellten (vgl. Trägerübergreifende Arbeitsgruppe 2013: 2). Dennoch werden die dortigen Sicherheitsregeln, die zum Schutz der Mitarbeiter erlassen wurden, von diesen nicht immer gänzlich befolgt. Warum ist das so? Warum kommt es in der Sicherheitsorganisation öffentlicher Verwaltungen zu informalen Handlungen?

Die Antwort auf diese Frage ist nicht im Klischee des „faulen Beamten“ zu finden, der sich aufgrund seiner Trägheit Regeln widersetzt und dadurch zu einer Gefahr für die Sicherheit seiner Kollegen und seiner selbst wird. Die Gründe für informale Handlungen sind vielfältig und komplex (vgl. Kühl 2011). Informale Handlungsweisen können z. B. entstehen, wenn ein Mitarbeiter nach einer eigenen Überprüfung der Sicherheitsregel davon ausgeht, dass diese nicht den erhofften Schutz bietet.

Da sich Probleme der (Nicht-)Anwendbarkeit oder der Unsinnigkeit von Regeln im Detail häufig erst in der Ausführung zeigen, beziehen viele Hochrisikoorganisationen bereits bei der Erstellung neuer bzw. der Veränderung bestehender Sicherheitsregeln diejenigen Mitarbeiter mit ein, die davon betroffen sind (vgl. Weichbrodt 2012: 25). So wird letztlich das Expertenwissen ihrer Mitarbeiter bei der Sicherheitsorganisation mitberücksichtigt und Anmerkungen und mögliche Einwände bezüglich der Praktikabilität von Regeln ernstgenommen. In der Schweiz gibt es für diese Vorgehensweise sogar schon eine Bezeichnung: „die Praxis der Vernehmlassung“ (ebd.: 26; Hervorhebung im Original). Neue Regeln und Vorschriften werden als Entwurf mit der Bitte um Stellungnahme an einen großen Teil der Mitarbeiter weitergegeben. Die Stellungnahme selbst ist jedoch nicht bindend. Die Praxis der Vernehmlassung eignet sich nicht nur für neue Regeln. Auch bei bereits bestehenden Vorschriften können Regelanwender in Verbesserungsprozesse einbezogen werden. Auf diese Verfahrensweise greifen in der Schweiz nicht nur Unternehmen und Hochrisikoorganisationen zurück, sondern auch öffentliche Verwaltungen (vgl. ebd.). Diese Methode könnte sich auch für deutsche öffentliche Verwaltungen als nützlich erweisen, um das Expertenwissen der Mitarbeiter aktiv in die Sicherheitsorganisation einzubringen.
 


Quellen:

  • Kühl, Stefan (2011): Organisationen. Eine sehr kurze Einführung. VS Verlag für Sozialwissenschaften, Wiesbaden.
  • Trägerübergreifende Arbeitsgruppe (2013): Mit offenen Augen. Überlegungen zur Gewaltprävention für Beschäftigte in Agenturen für Arbeit und Jobcentern. Unveröffentlichtes Material, o.O.
  • Weichbrodt, Johann (2012): Regeln und Vorschriften: Bürokratischer Ballast oder Voraussetzung für Sicherheit? Regelmanagement am Beispiel von Hochrisiko-Organisationen. In: Deutsche Gesellschaft für Personalführung e.V. (Hrsg.): Fachmagazin Personalführung, Ausgabe 9, o.O., S. 20-28.

 


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